Samstag, 25. Oktober 2014

3. Sendung: Der Tod und das Mädchen

Hier ist die Sendung abrufbar.

Schubert stellt sich sein 1842 entstandenes Meisterstück als ein Dialog zwischen einem flehenden Mädchen und dem Tod vor.

Wie ich bei der ersten Sendung erwähnt habe, sind Flüsse von Tinte über dieses Werk verschüttet worden, da es eine unheimliche Schönheit ausstrahlt. Das eigentlich Schöne und Gewaltige, wie sie hören werden, liegt im Fortdauern des Flehens des Mädchens, das sich nicht von der Negation des Todes einschüchtern lässt.

Sie bittet weiter, obwohl die Antwort eisern unerschütterlich „Nein“ bleibt.  Der Tod ist unerbittlich, aber das Flehen, das Fragen, die Hoffnung, die Sehnsucht des Mädchens kann nicht zum Schweigen gebracht werden.

Genau weil Schubert eine solche Bejahung des Leben trotz allem gewagt hat, ist sein Werk so schön. Das Ausstrahlen der Positivität des Lebens, über alle Hindernisse und Negationen hinaus, ist die künstlerische Form, die Schubert diesem Meisterwerk verleihen konnte, und das macht es aus, dass wir es heute noch mit Emotion anhören:


Es hat aber ein Mädchen gegeben, das vor dem Tod mit einer Offenheit gestanden ist, an der wir teilhaben können.

Sie stand da, vor ihrem gequälten, mit Schande bedeckten, verworfenen, belachten, verbluteten Sohn, der vor ihr auf völlig ungerechte Weise ermordet wurde. Sie hatte ein hartes Leben hinter sich: aus ihrem Land hatte sie als junge Mutter fliehen müssen, aber anders, als es heute geschieht, hatte sie nach einigen Jahren doch zurückkommen können.

Sie war eine einfache Frau, eine Hausfrau, eine Mutter. Sie hieß Maria, und ihr Sohn Jesus. Wir sehen die Beiden, wie sie sich auf dem kleinen Hügel außerhalb der Mauern der Stadt von Gesicht zu Gesicht anschauen.

Was ist durch die Seele der Mutter während der drei stillen Stunden, die das Sterben gedauert hat, gegangen? Was war ihre Haltung? Was ihre Gedanken? Sie wusste nur eines: er hatte sich freiwillig in die Hände seiner Feinde ausgeliefert, und er war Gottes Sohn und wusste alles, was geschehen würde. Sie kannte das Geheimnis seines Lebens, und nur darauf konnte sie sich jetzt stützen.

Wolfgang Amadeus Mozart hat Jahrhunderte später etwas von dem Gedankengang, den Maria unter dem Kreuz durchgangen ist, wiedergeben können. Es handelt sich um das „Agnus Dei“ der Krönungsmesse.

„Agnus Dei, qui tollis peccata mundi“, „Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“ ruft die Mutter ihren Sohn dreimal an, bevor ihre Bitte einen Durchgang im bedrückten Herz findet: „dona nobis pacem“ „Gib uns den Frieden“! Hören wir zu:


Das wunderschöne Flehen des Soprans, das sich am Ende unerhört dramatisch steigert, klingt aus, und ein Augenblick völliger Stille setzt ein.

Dieser Augenblick ist eine Spalte, wodurch etwas Anderes ins Geschlossene hereinfließen kann. Es ist der Augenblick des Todes und der letzten Ohnmacht des Menschen: er kann sich nicht selbst eine Antwort geben. Die Antwort muss von Außerhalb kommen. Doch siehe da! Es ist wirklich ein neuer Anfang: die Sopranstimme wird wie vom Neuem geboren - scheinbar aus dem Nichts – und zu dem Sopran gesellen sich der Tenor und dann der Bass, und am Ende jubelt der ganze Chor mit ihr.

Dieser Augenblick Stille ist die Spalte der Freiheit, wie eine Wunde, die wir in uns so schmerzlich verspüren: durch sie, wenn sie offen bleibt, kann wirklich die ganze Schöpfung wiedergeboren werden. Gott erwartet durch die ganze Geschichte, dass sich die Freiheit des Menschen Ihm öffne, damit Er ihn in sein wahres Leben einbeziehen kann.

Doch das ist geschichtlich bei dieser einen Frau in diesem Augenblick geschehen. So liegt auch für uns alle der Weg offen: das Leben, das neu beginnt, ist ohne messbares Verhältnis mit dem rohen Schmerz und der Ohnmacht, die ihm vorausgingen.

Diese Maßlosigkeit drückt der Augenblick der Stille aus: es ist nun etwas völlig Neues da. Jetzt singt der Chor einstimmig, und immer wieder tauchen die Solostimmen auf: “Dona nobis pacem”. Wir bitten, dass uns der Friede gegeben werde, das Einzig nötige für das Leben. Wir sind nämlich völlig untauglich uns selbst den Frieden zu geben. Diese Bitte selbst ist der Anfang der Neuheit.

Ohne eine dem Ganzen betreffende positive Aussicht, kann kein Detail einen Sinn haben. Hingegen, wenn das Ganze einen menschlichen und anziehenden, reizenden  Sinn hat, wird auch jedes Detail darin seinen Platz finden. So ergeht es für die Schulfächer, die völlig sinnlos sind ohne eine allgemein positive Hypothese für das ganze Leben.

Und dass nichts der Positivität der Wirklichkeit widersprechen kann, sogar der Tod nicht, das hat uns dieser Augenblick völliger Stille für immer geschenkt.

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