Samstag, 25. Oktober 2014

2. Sendung: Der selbstgebaute Bunker

Hier ist die Sendung abrufbar: Der Freihafen 2. Sendung "Der selbstgebaute Bunker"

Vor den deutschen Bundestag hat Papst Benedikt, Joseph Ratzinger, eine historische Rede gehalten. Darin findet sich ein konkretes, sehr lehrreiches Bild von der Lage in der wir uns befinden, wir, die auf der Suche nach etwas sind, das wir überhaupt noch nicht kennen.  Das Suchen hat nämlich Bedingungen die es ermöglichen oder es kann in solchen Hinderungen vor sich gehen, dass… wenn man Etwas trockenes im Wasser sucht, wird man es dort mit Sicherheit nie finden!

Benedikt XVI, Die Bundestagsrede (Auszüge)

“Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? 

Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1. Buch der Könige 3,9)
[...]

Für [die Entwicklung des Rechts und für] die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, dass sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. 

Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). 

Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft.
[...]

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur.

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. 

Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.”
[...]

Das Menschenbild im Bunker zu leben, erklärt Paps Benedikt auch so: "Die sich exclusiv gebende Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann". Warum haben wir uns selbst in diesen Bunker eingeschlossen? Was ist geschehen dass wir eine solche Erbschaft zu verwalten haben? Luigi Giussani, ein katholischer Priester aus Mailand der 2005 gestorben ist, hat in den 80iger Jahren auch eine Vorlesung gehalten um genau diese Frage zu beantworten.

„Das religiöse Bewusstsein des modernen Menschen“ von Luigi Giussani, (La coscienza religiosa dell'uomo moderno, auf Deutsch noch nicht veröffentlicht)

Er sagt zusammengefasst: es handelt sich bei diesem Menschenbild um eine Entwicklung aus der Renaissance, wo einige Gelehrte die in der Bewunderung auf das neuentdeckte Reichtum des Altertums geglaubt haben die Welt und sich selbst von neuen gestalten zu können. Darin vertreten sie folgende Thesen:

1. Der Mensch verwirklicht sich selbst nicht mehr als einmalige Person die ihrer einmaligen Bestimmung entgegenschreitet, sondern als eine art Hollywood Star, als ein Idol. Aber somit verwirklicht er nur ein Teil seiner selbst. Er kann nicht mehr in seiner Ganzheit gesehn und verehrt werden, sondern nur im Schein dem die Öffentlichkeit mit Beifall zuspricht. Wer Star sein kann, der ist angekommen, wer nicht, der zählt überhaupt nichts.

2. Woher nimmt der Mensch die Kraft um ein Star zu werden? Er bekommt sie nicht leise jeden Morgen neu geschenkt, sondern muss sie von der Natur erzwingen. Sehen sie auch hier tauch wieder die alternative zwischen erzwingen und das freie mitspielen mit der Natur. Also muss die Natur dem Menschen dienen, ob sie es will, oder nicht. Und so wird sie durch technische Mittel entstellt, bis sie fast nicht mehr sich selbst ist und zu nichts mehr wert zu sein scheint. (inserire Strawinski pezzo duro)

3. In welcher Stimmung geht der Mensch diesen Weg? Er ist in seinem gedankenlosem Optimismus über eine noch nicht vorhandene Zukunft angewiesen. So wird er aber natürlich immer wieder in tiefe Enttäuschung fallen. Die Verzweiflung wird so zur dauerhaften Stimmung dieses Menschen. Alles was er zu seinem Schutz aufbaut, endet in einen Betrug seines Wunsches, und er selbst ist Allem ausgeliefert.  Die altgriechischen Tragödien, die die Gelehrten der Reanaissance so bewunderten, haben zwar einen ähnlichen Zustand geschildert, nämlich das ausgeliefert sein des Menschen, aber ohne diesen vernunftlosen Optimismus, und genau das hat ihre Würde ausgemacht.

4. Nun, da dieser Versuch die Welt und sich selbst von neuen zu erschaffen und gestalten greifbar nahe schien, dass dieses Ideal also erreicht wurde, verspüren wir dass unsere Sehnsucht nicht dadurch gestillt werden kann. Alle Ideale scheinen somit trügerisch zu sein, weil sogar das kühnste Ideal unter Ihnen die Sehnsucht nicht stillen kann. Manchmal taucht wieder die Sehnsucht nach dem Göttlichen auf, sie findet aber nirgends im selbstgebauten Bunker Zeichen seiner Anwesenheit: die Religion, verkürzt auf Worte und Riten, löst sich dort auf.

5. Da der Bunker durch den Versuch die Wirklichkeit zu meistern entstanden ist, und dieser Versuch immer wieder scheitert, verengt sich auch der geschlossene Raum immer mehr: und das ist der Beweis dass es im Bunker die Sehnsucht gibt.

Es muss ein anderer Weg geben.  

Papst Benedikt ende so seine Rede:
"Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? 

Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. 
Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. 

Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. 

Es ist wohl klar, daß ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. (Lachen und Beifall)

Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. 
Erlauben Sie mir, bitte, daß ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. 
Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. 

Der Mensch macht sich nicht selbst. (Beifall)
Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit."

Die Schule, und hauptsächlich die Klassen nach das Obligatorium, bringt das wissen um die Natur in verschiedene Fächer bei: Mathematik, Chemie, Biologie, Physik. Die deutsche Muttersprache und die Fremdsprachen führen dann in die komplexe Wirklichkeit der Menschen ein. Altsprachen, Geschichte, Philosophie, Psychologie und Kunst bringen noch andere sehr wichtige Aspekte des Ganzen ein.

Wenn aber all dieser Reichtum sich einfach im Gedächtnis aufstapelt, ohne einen synthetischen Bund zu Bilden, wird es verloren gehen, und endlich wird es wie nicht geschehen sein. Die Einheit kann nur durch die Person des Lernenden selbst hergestellt werden, der selbst durch das Wissen wächst.

Der Freihafen möchte der personalisierung der Schule beizutragen, indem er unentgeltliche Nachhilfestunden am Samstag in Adliswil anbietet. Wenn man nämlich nicht alleine davor steht, sondern mit anderen, die sich dieselbe Fragen stellen, und die vielleicht einige schritte vorangekommen sind, dann kann das Lernen ein neuer Abenteuer werden.

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