Samstag, 25. Oktober 2014

1. Sendung: Ein Wald von Zeichen

Hier ist die Sendung abrufbar: Der Freihafen, 1. Sedung "Ein Wald von Zeichen" 

"Ein Wald von Zeichen" ist das erste Thema, von Baudlaires Sammlung die „Blumen des Bösen“ entnommen. Erschrecken Sie jetzt nicht: Gott ist der Herr aller Wirklichkeit, die aber nicht immer so aussieht, wie wir uns das Gute vorstellen. Eben darum stehen wir wie in einem Wald von Zeichen, völlig verwirrt.

Die Faszination und der Anstoß, die fast gleichzeitig davon ausgehen hat Charles Baudelaire in ein Gedicht zusammengefasst:

Zusammenklang                                                   Corréspondences
Im Tempel der Natur, in Säulengängen
Durch die oft Worte hallen, fremd, verwirrt,
Der Mensch durch einen Wald von Zeichen irrt,
Die mit vertrauten Blicken ihn bedrängen.
La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfois sortir de confuses paroles ;
L’homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l’observent avec des regards familiers.
Wie weite Echo fern zusammenklingen
Zu einem einzigen feierlichen Schall,
Tief wie die Nacht, die Klarheit und das All,
So Düfte, Farben, Klänge sich verschlingen.
Comme de longs échos qui de loin se confondent
Dans une ténébreuse et profonde unité,
Vaste comme la nuit et comme la clarté,
Les parfums, les couleurs et les sons se répondent.
Denn es gibt Düfte, frisch wie Kinderwangen,
Süß wie Oboen, grün wie junges Laub,
Verderbte Düfte, üppige, voll Prangen,
II est des parfums frais comme des chairs d'enfants,
Doux comme les hautbois, verts comme les prairies,
- Et d'autres, corrompus, riches et triomphants,
Wie Weihrauch, Ambra, die zu uns im Staub
Den Atemzug des Unbegrenzten bringen
Und unsrer Seelen höchste Wonnen singen.
Ayant l'expansion des choses infinies,
Comme l'ambre, le musc, le benjoin et l'encens,
Qui chantent les transports de l'esprit et des sens.

Verwirrt zu sein ist an sich nicht etwas Schlechtes, es widerspiegelt die Freiheit, die wir besitzen und die unser eigentlicher Reichtum ist, das heißt, die Möglichkeit, persönlich angesprochen zu werden, in unserem eigenen Leben die Zeichen zu deuten, und das Leben selbst zu gestalten, oder aber auch zu zerstören.

Ich habe ihnen angekündigt dass wir durch die Musik Strawinskys und Dvořáks, die beide die Wiederkehr des Frühlings schildern, zwei verschieden Haltungen vor Augen gestellt bekommen. Strawinsky beschreibt in seinem Ballett "Das Frühlingsopfer" wie die Natur durch Beschwörung gezwungen wird, das Leben wieder hervorzubringen. Dvořák hingegen in seiner „Symphonie der Neuen Welt“ führt uns in eine Welt ein, wo hinter jedem Zeichen etwas Neues zu finden ist.

Die Natur, die um uns und in uns selbst machtvoll hervorquillt, ist beiden Komponisten gemeinsam. Was verschieden klingt, ist die Frucht ihrer persönlichen Freiheit. Die Grösse dieser beiden Künstler besteht darin, dass sie ihre Wahl, und somit ihre Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen vermögen und uns so mittzuteilen wissen.

Strawinsky schreibt: „Als ich in St. Petersburg die letzten Seiten des ,Feuervogels‘ niederschrieb, überkam mich eines Tages – völlig unerwartet, denn ich war mit ganz anderen Dingen beschäftigt – die Vision einer großen heidnischen Feier: Alte weise Männer sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen. Das war das Thema von ,Le sacre du printemps‘ Ich wollte die leuchtende Auferstehung der Natur schildern, die zu neuem Leben erweckt wird […] , die Auferstehung der ganzen Welt.“

Die Uraufführung des Balletts fand am 29. Mai 1913 in Paris statt. Bereits vom ersten Ton aber war Gelächter zu hören, das dann in Tumult überging. Es war der stoischen Ruhe des Dirigenten zu verdanken, dass die Aufführung überhaupt zu Ende gespielt werden konnte.

Jetzt hören wir die Ouvertüre von „Die Frühlingsweihe“ Strawinskys, um sie dann mit dem Anfang von Dvořáks „Symphonie der Neuen Welt“ in Beziehung setzen zu können.
In wenigen Worten werde ich ihnen den Schlüssel zu dieser nicht leicht verständlichen Musik versuchen zu geben.

Die Oboe spielt anfangs allein eine schöne traurige Melodie. Nennenn wir sie „die Melodie des Suchenden“. Dann spielen die Instrumente durcheinander, als ob das Orchester noch zu sich selber zu finden suchte (wie bei Baudelaire, es ist wie ein „Wald von zuwinkenden Zeichen“). Die anfängliche Melodie wird gestört, sie wird wie hin und hergerückt, aber danach taucht sie identisch, unverändert wieder auf. Dies schildert sowohl ihre Unantastbarkeit, die Unzerstörbarkeit der suchenden Sehnsucht, als auch ihre Unwissenheit, ihre Unerfahrenheit, und die Tatsache, dass aus den Begegnungen die ihr widerfahren, sie eigentlich nichts erlernen kann. Sie ist auf die Gefahr, die Ärgerlichkeiten und Hindernisse, die ihr entgegenkommen werden, nicht gefasst weil sie deren Zeichen nicht erkennt und als sie dann erwischt wird, wird sie davon fast zerstört.

Es entsteht sodann eine solche Verwirrung, dass man zu fliehen beginnt, bis ein Marschrhythmus den Zuhörer und Suchenden ganz in sich aufzulösen versucht. Die Flucht wird atemberaubend, aber die Faszination für die Stärke des gewaltigen Rhythmus und den tiefen, fast unterirdischen Tönen besteht, bis zum letzten, abschliessenden Akkord.

Hören wir jetzt, wie Strawinsky es ausdrückt:

Le Sacre du Printemps Introduction, Les Augures printaniers, Danses des adolescentes
[Igor Strawinsky selbst dirigiert die Comubia Symphony Orchester im Tanzsaal des St George Hotel, Brooklyn, New York, den 5en und 6en Januar 1960. Sony Music Entertainment]


Ich möchte sie bitten jetzt zuzuhören, wie Dvořák  ganz anders die Suche gestaltet.

Auch er beginnt mit einer schönen, traurigen Melodie, der aber keine Einsamkeit anhaftet, sondern ein Mitspielen verschiedener Instrumente ist. Nennen wir auch diese die „Melodie des Suchenden“. Fast gleich nach dem Anfang stösst sie auf etwas völlig unerwartetes, beängstigend und verliert sich gleichsam.

Aber dann hören wir die Hörner erschallen, als ob jemand anderer zur Hilfe herbeigerufen wird. Die Suche kann wieder aufgenommen werden, aber mit anderer Dringlichkeit, denn jetzt geht sie nicht mehr im Schritt vor sich, sondern im Rennen.

Nach diesem atemberaubenden Rennen wird die „Melodie des Suchenden“ allein von der Oboe gespielt. Es gibt einen Augenblick, wo man wirklich selbst befragt wird, und nicht mehr in einer Menge untertauchen kann. Sehen Sie, das ist der Augenblick, in dem man sich in Freiheit entscheidet, vor der Wirklichkeit zu fliehen oder in ihr weiter zu suchen.

Dvořáks  Symphonie beschreibt das Vorgehen einer Entdeckung, die Begegnung mit Unerwartetem und Unheimlichem, das die Frage des Suchenden erweitert und voranzieht auf der Suche nach einer unerhörten, vorher nicht denkbaren Neuheit. Hören wir jetzt Dvořák  selbst:

Antonin Dvořák, Symphonie aus der neuen Welt, Ouverture
[Antonio Pappano dirigiert das Orchestra dell'Accademia nazionale di Santa Cecilia]


Es ist völlig anders als bei Strawinsky, wo die magische, durch Gewalt erzwungene Produktion der Neuheit beschrieben wird, wie mit Macht das Lebens beschworen, und sich zum Zeigen gedrängt wird.

Das Dramatische der Suche ist auch bei Dvořák vorhanden und spielt gewaltig mit, weil etwas Neues immer die Sprengung vorhandener Grenzen verursacht, aber diese Gewalt ist die der Sehnsucht und nicht des Zwanges: die Möglichkeit einer Zwiesprache wird immer gewahrt, und genau das ist das wirklich Neue.

Auch bei Dvořák droht etwas Unheimliches, und man flieht manchmal davor, doch die Faszination, die davon ausgeht, steigert sich immer mehr und führt letztendlich nicht zum Trauma sondern zur Bewunderung.

Hören wir zu, wie bei Dvořák  das Suchen zum Abenteuer wird. „Allegro con fuoco“:

Antonin Dvořák, Symphonie aus der neuen Welt, Allegro con fuoco
[Antonio Pappano dirigiert das Orchestra dell'Accademia nazionale di Santa Cecilia]

Für Dvořák ist das Suchen, wie Sie gehört haben, ein immer neues Abenteuer, indem sich die Frage des Suchenden stetig erweitert und so fähig zu neuen, unerwarteten  Begegnungen wird. 

Bei Strawinsky läuft das Suchen in eine unaufhaltsame Flucht: hören wir einen Augenblick zu:

Le Sacre du Printemps, Jeu du rapt [Igor Strawinsky selbst dirigiert die Comubia Symphony Orchester im Tanzsaal des St George Hotel, Brooklyn, New York, den 5en und 6en Januar 1960. Sony Music Entertainment]

Diese drei ganz großen Künstler, Baudelaire, Strawinsky und Dvořák haben uns auf dem Weg etwas sehr Wertvolles gegeben, nämlich die Einsicht, dass zu derselben Gegebenheit (die neugeborene Pracht der Natur) sehr verschiedene Einstellungen möglich sind.

Genau das ist die Freiheit, die freie Position, die man anfangs auf fast unmerkliche Weise vor das Sein der Welt und sich selbst annehmen kann. Es sind aber überhaupt keine neutrale Einstellungen, denn sie verursachen den Werdegang und die Möglichkeit der Verwirklichung oder der Zerstörung, die folgen werden. 

Die Freiheit, die den Zusammenklang nicht zerstörerisch, sondern als Einladung zu einer größeren, weiteren, neuen Harmonie annimmt, kann man erlernen, und dazu will der Freihafen den jungen Leuten durch unentgeltliche Nachhilfestunden dienen.

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