Samstag, 25. Oktober 2014

Drei Radiosendungen und ein Gespräch

Der Freihafen stellt sich durch drei Radiosendungen vor, und lädt an einer vierten zum Gespräch ein.


Erste Sendung
Ein Wald von Zeichen 
am Dienstag, den 14. Oktober 2014 um 14:00 Uhr auf Radio Maria Deutschschweiz
  • Charles Baudelaire, "Zusammenklang" aus der Sammlung "Die Blumen des Bösen" (1857)
  • Igor Strawinsky "Das Frühlingsopfer" (1913)
  • Antonín Dvořák "Simphonie aus der neuen Welt" (1893)

Zweite Sendung
Der selbst gebaute Bunker
am Donnerstag, den 16. Oktober 2014 um 14:00 Uhr  auf Radio Maria Deutschschweiz
am Samstag, den 18. Oktober 2014 um 14:00 Uhr  auf Radio Maria Deutschschweiz
  • Warum dieses Unternehmen? Sinn der Nachhilfestunden am Samstag in Adliswil.

We go live: this is the kick off!
Am Samstag den 25. Oktober um 9:00 Uhr beginnen in Adliswil die Freihafen-Nachilfestunden.
Wir bitten um Anmeldung,
 Ida Soldini trägt die Verantwortung.

1. Sendung: Ein Wald von Zeichen

Hier ist die Sendung abrufbar: Der Freihafen, 1. Sedung "Ein Wald von Zeichen" 

"Ein Wald von Zeichen" ist das erste Thema, von Baudlaires Sammlung die „Blumen des Bösen“ entnommen. Erschrecken Sie jetzt nicht: Gott ist der Herr aller Wirklichkeit, die aber nicht immer so aussieht, wie wir uns das Gute vorstellen. Eben darum stehen wir wie in einem Wald von Zeichen, völlig verwirrt.

Die Faszination und der Anstoß, die fast gleichzeitig davon ausgehen hat Charles Baudelaire in ein Gedicht zusammengefasst:

Zusammenklang                                                   Corréspondences
Im Tempel der Natur, in Säulengängen
Durch die oft Worte hallen, fremd, verwirrt,
Der Mensch durch einen Wald von Zeichen irrt,
Die mit vertrauten Blicken ihn bedrängen.
La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfois sortir de confuses paroles ;
L’homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l’observent avec des regards familiers.
Wie weite Echo fern zusammenklingen
Zu einem einzigen feierlichen Schall,
Tief wie die Nacht, die Klarheit und das All,
So Düfte, Farben, Klänge sich verschlingen.
Comme de longs échos qui de loin se confondent
Dans une ténébreuse et profonde unité,
Vaste comme la nuit et comme la clarté,
Les parfums, les couleurs et les sons se répondent.
Denn es gibt Düfte, frisch wie Kinderwangen,
Süß wie Oboen, grün wie junges Laub,
Verderbte Düfte, üppige, voll Prangen,
II est des parfums frais comme des chairs d'enfants,
Doux comme les hautbois, verts comme les prairies,
- Et d'autres, corrompus, riches et triomphants,
Wie Weihrauch, Ambra, die zu uns im Staub
Den Atemzug des Unbegrenzten bringen
Und unsrer Seelen höchste Wonnen singen.
Ayant l'expansion des choses infinies,
Comme l'ambre, le musc, le benjoin et l'encens,
Qui chantent les transports de l'esprit et des sens.

Verwirrt zu sein ist an sich nicht etwas Schlechtes, es widerspiegelt die Freiheit, die wir besitzen und die unser eigentlicher Reichtum ist, das heißt, die Möglichkeit, persönlich angesprochen zu werden, in unserem eigenen Leben die Zeichen zu deuten, und das Leben selbst zu gestalten, oder aber auch zu zerstören.

Ich habe ihnen angekündigt dass wir durch die Musik Strawinskys und Dvořáks, die beide die Wiederkehr des Frühlings schildern, zwei verschieden Haltungen vor Augen gestellt bekommen. Strawinsky beschreibt in seinem Ballett "Das Frühlingsopfer" wie die Natur durch Beschwörung gezwungen wird, das Leben wieder hervorzubringen. Dvořák hingegen in seiner „Symphonie der Neuen Welt“ führt uns in eine Welt ein, wo hinter jedem Zeichen etwas Neues zu finden ist.

Die Natur, die um uns und in uns selbst machtvoll hervorquillt, ist beiden Komponisten gemeinsam. Was verschieden klingt, ist die Frucht ihrer persönlichen Freiheit. Die Grösse dieser beiden Künstler besteht darin, dass sie ihre Wahl, und somit ihre Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen vermögen und uns so mittzuteilen wissen.

Strawinsky schreibt: „Als ich in St. Petersburg die letzten Seiten des ,Feuervogels‘ niederschrieb, überkam mich eines Tages – völlig unerwartet, denn ich war mit ganz anderen Dingen beschäftigt – die Vision einer großen heidnischen Feier: Alte weise Männer sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen. Das war das Thema von ,Le sacre du printemps‘ Ich wollte die leuchtende Auferstehung der Natur schildern, die zu neuem Leben erweckt wird […] , die Auferstehung der ganzen Welt.“

Die Uraufführung des Balletts fand am 29. Mai 1913 in Paris statt. Bereits vom ersten Ton aber war Gelächter zu hören, das dann in Tumult überging. Es war der stoischen Ruhe des Dirigenten zu verdanken, dass die Aufführung überhaupt zu Ende gespielt werden konnte.

Jetzt hören wir die Ouvertüre von „Die Frühlingsweihe“ Strawinskys, um sie dann mit dem Anfang von Dvořáks „Symphonie der Neuen Welt“ in Beziehung setzen zu können.
In wenigen Worten werde ich ihnen den Schlüssel zu dieser nicht leicht verständlichen Musik versuchen zu geben.

Die Oboe spielt anfangs allein eine schöne traurige Melodie. Nennenn wir sie „die Melodie des Suchenden“. Dann spielen die Instrumente durcheinander, als ob das Orchester noch zu sich selber zu finden suchte (wie bei Baudelaire, es ist wie ein „Wald von zuwinkenden Zeichen“). Die anfängliche Melodie wird gestört, sie wird wie hin und hergerückt, aber danach taucht sie identisch, unverändert wieder auf. Dies schildert sowohl ihre Unantastbarkeit, die Unzerstörbarkeit der suchenden Sehnsucht, als auch ihre Unwissenheit, ihre Unerfahrenheit, und die Tatsache, dass aus den Begegnungen die ihr widerfahren, sie eigentlich nichts erlernen kann. Sie ist auf die Gefahr, die Ärgerlichkeiten und Hindernisse, die ihr entgegenkommen werden, nicht gefasst weil sie deren Zeichen nicht erkennt und als sie dann erwischt wird, wird sie davon fast zerstört.

Es entsteht sodann eine solche Verwirrung, dass man zu fliehen beginnt, bis ein Marschrhythmus den Zuhörer und Suchenden ganz in sich aufzulösen versucht. Die Flucht wird atemberaubend, aber die Faszination für die Stärke des gewaltigen Rhythmus und den tiefen, fast unterirdischen Tönen besteht, bis zum letzten, abschliessenden Akkord.

Hören wir jetzt, wie Strawinsky es ausdrückt:

Le Sacre du Printemps Introduction, Les Augures printaniers, Danses des adolescentes
[Igor Strawinsky selbst dirigiert die Comubia Symphony Orchester im Tanzsaal des St George Hotel, Brooklyn, New York, den 5en und 6en Januar 1960. Sony Music Entertainment]


Ich möchte sie bitten jetzt zuzuhören, wie Dvořák  ganz anders die Suche gestaltet.

Auch er beginnt mit einer schönen, traurigen Melodie, der aber keine Einsamkeit anhaftet, sondern ein Mitspielen verschiedener Instrumente ist. Nennen wir auch diese die „Melodie des Suchenden“. Fast gleich nach dem Anfang stösst sie auf etwas völlig unerwartetes, beängstigend und verliert sich gleichsam.

Aber dann hören wir die Hörner erschallen, als ob jemand anderer zur Hilfe herbeigerufen wird. Die Suche kann wieder aufgenommen werden, aber mit anderer Dringlichkeit, denn jetzt geht sie nicht mehr im Schritt vor sich, sondern im Rennen.

Nach diesem atemberaubenden Rennen wird die „Melodie des Suchenden“ allein von der Oboe gespielt. Es gibt einen Augenblick, wo man wirklich selbst befragt wird, und nicht mehr in einer Menge untertauchen kann. Sehen Sie, das ist der Augenblick, in dem man sich in Freiheit entscheidet, vor der Wirklichkeit zu fliehen oder in ihr weiter zu suchen.

Dvořáks  Symphonie beschreibt das Vorgehen einer Entdeckung, die Begegnung mit Unerwartetem und Unheimlichem, das die Frage des Suchenden erweitert und voranzieht auf der Suche nach einer unerhörten, vorher nicht denkbaren Neuheit. Hören wir jetzt Dvořák  selbst:

Antonin Dvořák, Symphonie aus der neuen Welt, Ouverture
[Antonio Pappano dirigiert das Orchestra dell'Accademia nazionale di Santa Cecilia]


Es ist völlig anders als bei Strawinsky, wo die magische, durch Gewalt erzwungene Produktion der Neuheit beschrieben wird, wie mit Macht das Lebens beschworen, und sich zum Zeigen gedrängt wird.

Das Dramatische der Suche ist auch bei Dvořák vorhanden und spielt gewaltig mit, weil etwas Neues immer die Sprengung vorhandener Grenzen verursacht, aber diese Gewalt ist die der Sehnsucht und nicht des Zwanges: die Möglichkeit einer Zwiesprache wird immer gewahrt, und genau das ist das wirklich Neue.

Auch bei Dvořák droht etwas Unheimliches, und man flieht manchmal davor, doch die Faszination, die davon ausgeht, steigert sich immer mehr und führt letztendlich nicht zum Trauma sondern zur Bewunderung.

Hören wir zu, wie bei Dvořák  das Suchen zum Abenteuer wird. „Allegro con fuoco“:

Antonin Dvořák, Symphonie aus der neuen Welt, Allegro con fuoco
[Antonio Pappano dirigiert das Orchestra dell'Accademia nazionale di Santa Cecilia]

Für Dvořák ist das Suchen, wie Sie gehört haben, ein immer neues Abenteuer, indem sich die Frage des Suchenden stetig erweitert und so fähig zu neuen, unerwarteten  Begegnungen wird. 

Bei Strawinsky läuft das Suchen in eine unaufhaltsame Flucht: hören wir einen Augenblick zu:

Le Sacre du Printemps, Jeu du rapt [Igor Strawinsky selbst dirigiert die Comubia Symphony Orchester im Tanzsaal des St George Hotel, Brooklyn, New York, den 5en und 6en Januar 1960. Sony Music Entertainment]

Diese drei ganz großen Künstler, Baudelaire, Strawinsky und Dvořák haben uns auf dem Weg etwas sehr Wertvolles gegeben, nämlich die Einsicht, dass zu derselben Gegebenheit (die neugeborene Pracht der Natur) sehr verschiedene Einstellungen möglich sind.

Genau das ist die Freiheit, die freie Position, die man anfangs auf fast unmerkliche Weise vor das Sein der Welt und sich selbst annehmen kann. Es sind aber überhaupt keine neutrale Einstellungen, denn sie verursachen den Werdegang und die Möglichkeit der Verwirklichung oder der Zerstörung, die folgen werden. 

Die Freiheit, die den Zusammenklang nicht zerstörerisch, sondern als Einladung zu einer größeren, weiteren, neuen Harmonie annimmt, kann man erlernen, und dazu will der Freihafen den jungen Leuten durch unentgeltliche Nachhilfestunden dienen.

2. Sendung: Der selbstgebaute Bunker

Hier ist die Sendung abrufbar: Der Freihafen 2. Sendung "Der selbstgebaute Bunker"

Vor den deutschen Bundestag hat Papst Benedikt, Joseph Ratzinger, eine historische Rede gehalten. Darin findet sich ein konkretes, sehr lehrreiches Bild von der Lage in der wir uns befinden, wir, die auf der Suche nach etwas sind, das wir überhaupt noch nicht kennen.  Das Suchen hat nämlich Bedingungen die es ermöglichen oder es kann in solchen Hinderungen vor sich gehen, dass… wenn man Etwas trockenes im Wasser sucht, wird man es dort mit Sicherheit nie finden!

Benedikt XVI, Die Bundestagsrede (Auszüge)

“Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? 

Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1. Buch der Könige 3,9)
[...]

Für [die Entwicklung des Rechts und für] die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, dass sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. 

Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). 

Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft.
[...]

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur.

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. 

Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.”
[...]

Das Menschenbild im Bunker zu leben, erklärt Paps Benedikt auch so: "Die sich exclusiv gebende Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann". Warum haben wir uns selbst in diesen Bunker eingeschlossen? Was ist geschehen dass wir eine solche Erbschaft zu verwalten haben? Luigi Giussani, ein katholischer Priester aus Mailand der 2005 gestorben ist, hat in den 80iger Jahren auch eine Vorlesung gehalten um genau diese Frage zu beantworten.

„Das religiöse Bewusstsein des modernen Menschen“ von Luigi Giussani, (La coscienza religiosa dell'uomo moderno, auf Deutsch noch nicht veröffentlicht)

Er sagt zusammengefasst: es handelt sich bei diesem Menschenbild um eine Entwicklung aus der Renaissance, wo einige Gelehrte die in der Bewunderung auf das neuentdeckte Reichtum des Altertums geglaubt haben die Welt und sich selbst von neuen gestalten zu können. Darin vertreten sie folgende Thesen:

1. Der Mensch verwirklicht sich selbst nicht mehr als einmalige Person die ihrer einmaligen Bestimmung entgegenschreitet, sondern als eine art Hollywood Star, als ein Idol. Aber somit verwirklicht er nur ein Teil seiner selbst. Er kann nicht mehr in seiner Ganzheit gesehn und verehrt werden, sondern nur im Schein dem die Öffentlichkeit mit Beifall zuspricht. Wer Star sein kann, der ist angekommen, wer nicht, der zählt überhaupt nichts.

2. Woher nimmt der Mensch die Kraft um ein Star zu werden? Er bekommt sie nicht leise jeden Morgen neu geschenkt, sondern muss sie von der Natur erzwingen. Sehen sie auch hier tauch wieder die alternative zwischen erzwingen und das freie mitspielen mit der Natur. Also muss die Natur dem Menschen dienen, ob sie es will, oder nicht. Und so wird sie durch technische Mittel entstellt, bis sie fast nicht mehr sich selbst ist und zu nichts mehr wert zu sein scheint. (inserire Strawinski pezzo duro)

3. In welcher Stimmung geht der Mensch diesen Weg? Er ist in seinem gedankenlosem Optimismus über eine noch nicht vorhandene Zukunft angewiesen. So wird er aber natürlich immer wieder in tiefe Enttäuschung fallen. Die Verzweiflung wird so zur dauerhaften Stimmung dieses Menschen. Alles was er zu seinem Schutz aufbaut, endet in einen Betrug seines Wunsches, und er selbst ist Allem ausgeliefert.  Die altgriechischen Tragödien, die die Gelehrten der Reanaissance so bewunderten, haben zwar einen ähnlichen Zustand geschildert, nämlich das ausgeliefert sein des Menschen, aber ohne diesen vernunftlosen Optimismus, und genau das hat ihre Würde ausgemacht.

4. Nun, da dieser Versuch die Welt und sich selbst von neuen zu erschaffen und gestalten greifbar nahe schien, dass dieses Ideal also erreicht wurde, verspüren wir dass unsere Sehnsucht nicht dadurch gestillt werden kann. Alle Ideale scheinen somit trügerisch zu sein, weil sogar das kühnste Ideal unter Ihnen die Sehnsucht nicht stillen kann. Manchmal taucht wieder die Sehnsucht nach dem Göttlichen auf, sie findet aber nirgends im selbstgebauten Bunker Zeichen seiner Anwesenheit: die Religion, verkürzt auf Worte und Riten, löst sich dort auf.

5. Da der Bunker durch den Versuch die Wirklichkeit zu meistern entstanden ist, und dieser Versuch immer wieder scheitert, verengt sich auch der geschlossene Raum immer mehr: und das ist der Beweis dass es im Bunker die Sehnsucht gibt.

Es muss ein anderer Weg geben.  

Papst Benedikt ende so seine Rede:
"Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? 

Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. 
Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. 

Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. 

Es ist wohl klar, daß ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. (Lachen und Beifall)

Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. 
Erlauben Sie mir, bitte, daß ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. 
Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. 

Der Mensch macht sich nicht selbst. (Beifall)
Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit."

Die Schule, und hauptsächlich die Klassen nach das Obligatorium, bringt das wissen um die Natur in verschiedene Fächer bei: Mathematik, Chemie, Biologie, Physik. Die deutsche Muttersprache und die Fremdsprachen führen dann in die komplexe Wirklichkeit der Menschen ein. Altsprachen, Geschichte, Philosophie, Psychologie und Kunst bringen noch andere sehr wichtige Aspekte des Ganzen ein.

Wenn aber all dieser Reichtum sich einfach im Gedächtnis aufstapelt, ohne einen synthetischen Bund zu Bilden, wird es verloren gehen, und endlich wird es wie nicht geschehen sein. Die Einheit kann nur durch die Person des Lernenden selbst hergestellt werden, der selbst durch das Wissen wächst.

Der Freihafen möchte der personalisierung der Schule beizutragen, indem er unentgeltliche Nachhilfestunden am Samstag in Adliswil anbietet. Wenn man nämlich nicht alleine davor steht, sondern mit anderen, die sich dieselbe Fragen stellen, und die vielleicht einige schritte vorangekommen sind, dann kann das Lernen ein neuer Abenteuer werden.

3. Sendung: Der Tod und das Mädchen

Hier ist die Sendung abrufbar.

Schubert stellt sich sein 1842 entstandenes Meisterstück als ein Dialog zwischen einem flehenden Mädchen und dem Tod vor.

Wie ich bei der ersten Sendung erwähnt habe, sind Flüsse von Tinte über dieses Werk verschüttet worden, da es eine unheimliche Schönheit ausstrahlt. Das eigentlich Schöne und Gewaltige, wie sie hören werden, liegt im Fortdauern des Flehens des Mädchens, das sich nicht von der Negation des Todes einschüchtern lässt.

Sie bittet weiter, obwohl die Antwort eisern unerschütterlich „Nein“ bleibt.  Der Tod ist unerbittlich, aber das Flehen, das Fragen, die Hoffnung, die Sehnsucht des Mädchens kann nicht zum Schweigen gebracht werden.

Genau weil Schubert eine solche Bejahung des Leben trotz allem gewagt hat, ist sein Werk so schön. Das Ausstrahlen der Positivität des Lebens, über alle Hindernisse und Negationen hinaus, ist die künstlerische Form, die Schubert diesem Meisterwerk verleihen konnte, und das macht es aus, dass wir es heute noch mit Emotion anhören:


Es hat aber ein Mädchen gegeben, das vor dem Tod mit einer Offenheit gestanden ist, an der wir teilhaben können.

Sie stand da, vor ihrem gequälten, mit Schande bedeckten, verworfenen, belachten, verbluteten Sohn, der vor ihr auf völlig ungerechte Weise ermordet wurde. Sie hatte ein hartes Leben hinter sich: aus ihrem Land hatte sie als junge Mutter fliehen müssen, aber anders, als es heute geschieht, hatte sie nach einigen Jahren doch zurückkommen können.

Sie war eine einfache Frau, eine Hausfrau, eine Mutter. Sie hieß Maria, und ihr Sohn Jesus. Wir sehen die Beiden, wie sie sich auf dem kleinen Hügel außerhalb der Mauern der Stadt von Gesicht zu Gesicht anschauen.

Was ist durch die Seele der Mutter während der drei stillen Stunden, die das Sterben gedauert hat, gegangen? Was war ihre Haltung? Was ihre Gedanken? Sie wusste nur eines: er hatte sich freiwillig in die Hände seiner Feinde ausgeliefert, und er war Gottes Sohn und wusste alles, was geschehen würde. Sie kannte das Geheimnis seines Lebens, und nur darauf konnte sie sich jetzt stützen.

Wolfgang Amadeus Mozart hat Jahrhunderte später etwas von dem Gedankengang, den Maria unter dem Kreuz durchgangen ist, wiedergeben können. Es handelt sich um das „Agnus Dei“ der Krönungsmesse.

„Agnus Dei, qui tollis peccata mundi“, „Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“ ruft die Mutter ihren Sohn dreimal an, bevor ihre Bitte einen Durchgang im bedrückten Herz findet: „dona nobis pacem“ „Gib uns den Frieden“! Hören wir zu:


Das wunderschöne Flehen des Soprans, das sich am Ende unerhört dramatisch steigert, klingt aus, und ein Augenblick völliger Stille setzt ein.

Dieser Augenblick ist eine Spalte, wodurch etwas Anderes ins Geschlossene hereinfließen kann. Es ist der Augenblick des Todes und der letzten Ohnmacht des Menschen: er kann sich nicht selbst eine Antwort geben. Die Antwort muss von Außerhalb kommen. Doch siehe da! Es ist wirklich ein neuer Anfang: die Sopranstimme wird wie vom Neuem geboren - scheinbar aus dem Nichts – und zu dem Sopran gesellen sich der Tenor und dann der Bass, und am Ende jubelt der ganze Chor mit ihr.

Dieser Augenblick Stille ist die Spalte der Freiheit, wie eine Wunde, die wir in uns so schmerzlich verspüren: durch sie, wenn sie offen bleibt, kann wirklich die ganze Schöpfung wiedergeboren werden. Gott erwartet durch die ganze Geschichte, dass sich die Freiheit des Menschen Ihm öffne, damit Er ihn in sein wahres Leben einbeziehen kann.

Doch das ist geschichtlich bei dieser einen Frau in diesem Augenblick geschehen. So liegt auch für uns alle der Weg offen: das Leben, das neu beginnt, ist ohne messbares Verhältnis mit dem rohen Schmerz und der Ohnmacht, die ihm vorausgingen.

Diese Maßlosigkeit drückt der Augenblick der Stille aus: es ist nun etwas völlig Neues da. Jetzt singt der Chor einstimmig, und immer wieder tauchen die Solostimmen auf: “Dona nobis pacem”. Wir bitten, dass uns der Friede gegeben werde, das Einzig nötige für das Leben. Wir sind nämlich völlig untauglich uns selbst den Frieden zu geben. Diese Bitte selbst ist der Anfang der Neuheit.

Ohne eine dem Ganzen betreffende positive Aussicht, kann kein Detail einen Sinn haben. Hingegen, wenn das Ganze einen menschlichen und anziehenden, reizenden  Sinn hat, wird auch jedes Detail darin seinen Platz finden. So ergeht es für die Schulfächer, die völlig sinnlos sind ohne eine allgemein positive Hypothese für das ganze Leben.

Und dass nichts der Positivität der Wirklichkeit widersprechen kann, sogar der Tod nicht, das hat uns dieser Augenblick völliger Stille für immer geschenkt.

4. Sendung: Ein Gespräch

Hier ist die Sendung abrufbar.